5 Mose 1, 19-33
Das 5. Buch Mose, das Deuteronomium, bildet theologisch und traditionsgeschichtlich die Mitte des Alten Testamentes. Es überliefert uns die Abschiedsreden Mose, sein Vermächtnis, die hoffnungsvollen Möglichkeiten und die drohenden Gefahren der Zukunft für das Volk Gottes. „Siehe, der Herr, dein Gott, hat dir das Land gegeben; zieh hinauf und nimm es ein, wie der Herr, der Gott deiner Väter, dir zugesagt hat. Fürchte dich nicht und lass dir nicht grauen.“ Mit dieser Zusage an der Schwelle zum Verheissungsland fordert Mose das Volk auf, voll Vertrauen mit dem Einzug über den Jordan zu beginnen. Aber es kommt anders: Die Menge des Volkes verlangt nämlich, zunächst das Land und die Zugangsmöglichkeiten prüfen zu lassen.
Das klingt plausibel. Aber dieser Vorschlag lässt bereits ein mangelndes Vertrauen in Gottes gute Führung erkennen. Und schon sind wir – wie so oft – an 1 Mose 3 erinnert: „Sollte Gott gesagt haben?“ Die ausgewählten Kundschafter kommen zurück mit beglückenden Nachrichten und einigen Früchten bester Qualität und sagen: „Prächtig ist das Land, das der Herr, unser Gott, uns gibt!“ Trotz dieser guten Nachricht packt das Volk eine tiefsitzende Angst.
Sie deuten die gute Absicht Gottes ins Gegenteil um: „Weil Gott uns hasst, hat er uns aus dem Land Ägypten geführt. Er will uns in die Hand der Amoriter geben, um uns zu vernichten.“ Die eigentliche Ungeheuerlichkeit dieser Unterstellung liegt in der Verleumdung Gottes – einem Anti-Credo. Mose versucht diese Situation mit der Erinnerung an gemeinsame Gotteserfahrungen zu befrieden: „Der Herr, euer Gott, der vor euch herzieht, er wird an euer Seite für euch kämpfen, wie er es in Ägypten vor euren Augen getan hat und in der Wüste, du hast es selbst erlebt. Da hat dich der Herr, dein Gott, auf dem ganzen Weg, den ihr gewandert seid, getragen, wie ein Mann sein Kind trägt.“
Aber „Trotzdem habt ihr nicht auf den Herrn, euren Gott, vertraut“. Unsere Liturgie zählt in der Vorbereitung auf Ostern vierzig Tage der Umkehr. Sie symbolisieren die vierzig Wüstenjahre Israels. An ihnen wird die Größe der Verheißung, aber auch der Ernst drohender Versuchungen sichtbar.
Als Getaufte sind wir zwar längst aus Ägypten ausgezogen. Aber haben wir als wanderndes Gottesvolk nicht vielleicht den Wunsch, immer nur gemeinsam unterwegs zu sein, ohne bleibende Stätte immer weiter zu wandern auf eine Zukunft hin, die wir nicht besitzen, sondern nur erahnen können?
Haben wir deshalb die Gaben Gottes heruntergeredet und gesagt: Der Weg ist das Ziel? Der Hebräerbrief nimmt das Schlüsselbild aus dem 5. Buch Mose auf und mahnt, den letzten Schritt in das Land, in die uns angebotene Erfüllung zu gehen: „Darum lasst uns ernsthaft besorgt sein, dass keiner von euch zurückbleibt, solange die Verheißung, in seine Ruhe zu kommen, noch gilt.“ Wenn wir auf diese Zusage vertrauen, können wir mit Josua, das heisst Jesus, zu Ostern in dieses gelobte Land einziehen.
Sr. Ruth Meili CCR