Schwanberg-Pilgertag am 27. September 2025
Kopfüber in die Hoffnung
Zu Fuß oder mit dem Rad – kleine und große, sehende und sehbehinderte, lautsprachliche und gebärdensprachliche, erfahrene und unerfahrene Pilgerinnen und Pilger haben sich an diesem kühlen und feuchten Tag auf den Weg gemacht. Die erste Gruppe traf sich kurz nach Neun in Kitzingen am Bahnhof, die Radelnden gegen 10 in Ochsenfurt, in Iphofen starteten wir erst 11:30 Uhr.
Immer wieder mal kommt die Frage auf: wieso startet ihr so früh? Den Weg schafft man doch in 2 Stunden, was wollt ihr so früh auf dem Berg? Pilgern ist beten mit den Füßen, pilgern ist äußere und innere Bewegung. Wir unterbrechen immer wieder um innezuhalten. Genießen den Raum und die Zeit, lassen da sein, was ist. Und lassen uns anregen von Fragen und Gedanken zu einem je neu ausgewählten Bibelvers und Thema. Diese Jahr haben wir das Thema des Heiligen Jahres aufgenommen: Pilger der Hoffnung und sind „kopfüber in die Hoffnung“ gesprungen. Unser biblisches Wort steht in Jeremia 29,11. Und ja, wir sind gesprungen, haben den Absprung ausprobiert. Sind von der Resignation und Leere, Hoffnungslosigkeit und Angst hinein in die Hoffnung gesprungen. So wie es die Jüngerinnen und Jünger damals taten, als sie das Grab Jesu leer fanden. Wer da den Absprung aus der Verzweiflung über den Tod Jesu noch nicht schaffte, sprang spätestens dann freudig in die Hoffnung, als der Auferstandene Freund und Meister vor ihnen stand und mit ihnen redete.
Wir stellten uns nach diesem Sprung in einen Kreis, bekamen ein Seil in die Hände. Das Seil verbindet uns zu einer starken Gemeinschaft. Das Seil steht für die Hoffnung. Die Gemeinschaft trägt, auch wenn die eigene Hoffnung mal etwas dünner ist. Einzeln gingen wir miteinander weiter. Dazu wurde das Seil zerschnitten, so dass jede:r ein Stück Seil, ein Stück Hoffnung mit auf den Weg nahm.
Nur, woher nehme ich Hoffnung? Und was nährt meine Hoffnung? Mit Dorothee Sölles Bild vom Hoffnungsschrank erinnerte sich jede:r von uns an Erfahrungen, die Hoffnung machen. Wir erzählten uns davon und füllten unsere ganz persönlichen Hoffnungsschränke damit. Und dann blickten wir auf Hoffnung, die uns „aus dem Himmel“ entgegenkommt. Dazu finden wir in der Bibel, in einem der Briefe des Apostels Paulus, vier Quellen, die die Hoffnung nähren können: den Trost der Bibel, die Gemeinschaft, das gesprochene oder gesungene Gotteslob und den Glauben bzw. den Heiligen Geist. Der Hoffnungsschrank füllte sich in den Gesprächen untereinander zunehmend.
Beim nächsten Halt kam dunkles Klebeband dazu. Ein Stück des Seils wurde schwarz umklebt. Bei der einen war es eine Handbreit, beim anderen nur ein Fingerbreit. Das dunkle Klebeband steht für enttäuschte Hoffnung. Eine Erfahrung, zu der Jede:r etwas beitragen konnte. Auch Dietrich Bonhoeffer kennt enttäuschte Hoffnung. Und er ist dabei nicht stehen geblieben. Enttäuschte Hoffnungen sind für ihn kein Zeichen dafür, dass Gott uns verlassen hat.
Im Leben und Sterben und in der Auferstehung von Jesus Christus liegt für ihn die größte Hoffnung. In unsere Mitte wird einen große leuchtend gelbe Papierscheibe gelegt. Sie steht für die Ostersonne, die Auferstehung Jesu, sie steht für das Nein Gottes zu Unrecht und Tod. Sie steht für das Ja Gottes zum Leben. An diesem Grund der Hoffnung hat Bonhoeffer bis ans Ende festgehalten. Und wir legten unsere Seilstücke mit dem schwarzen Seilstück hinein in die (papierene) Ostersonne. „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ singend oder zuhörend ließen wir dieses Wahrheit in uns klingen.
Auf dem Schwanberg angekommen, empfingen uns Schwestern mit Wasser und Wein und dem Pilgerstempel. Es war zu kühl für eine Gottesdienst unter freiem Himmel. Und so feierten wir den Gottesdienst in der Kirche. Die Band hatte längst alles aufgebaut. In diesem Jahr feierte die Schwanbergpfarrerin Esther Zeiher mit uns. Sie nahm einen weitern Aspekt auf: Hoffen und Handeln. Dazu nahm sie zum Seil das Bild vom Anker auf, den die Jugendlichen und Familien von ihren Pilgerwegen mitgebracht haben. „Das Ankerseil der Hoffnung, das wir heute in den Himmel werfen, ankert im tiefsten Sinn des Lebens. Es ankert in Gott. Manches, was wir hoffen, wird vielleicht ganz anders – aber im Rückblick erkennen wir plötzlich den Sinn darin. Und wir merken: ohne meine Hoffnung hätte sich gar nichts getan. Ohne Hoffnung wäre alles geblieben, wie es ist. Und vielleicht ist es ja auch andersherum: dass Gott uns ein Seil zuwirft, dass er einen Anker von oben her in uns festmacht, damit wir in dieser Welt der Hoffnung dazu verhelfen, wirklich wahr zu werden.“
Deo gratias für diesen Tag!
Gott spricht: [Denn] Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. (Jer 29,11, Lu)
